Ohne Wurzeln keine Flügel.
Dieser Gedanke passt für uns besonders schön zu unserer Kleingartenanlage:
Denn wer einen Blick auf ihre Geschichte wirft, entdeckt nicht nur ihre Wurzeln, sondern auch die vielen Menschen, die über Generationen dazu beigetragen haben, dass daraus der Ort und die Gemeinschaft entstehen konnten, die wir heute erleben dürfen.
Die Geschichte der Eisenbahnerfarm am Lainzer Tiergarten
Wer war eigentlich vor uns hier?
Wer hat diese Wege geschaffen?
Wer hat die ersten Bäume gepflanzt?
Wer hat aufgebaut, organisiert, geholfen und dafür gesorgt, dass aus einem Stück Land über Generationen das werden konnte, was wir heute vorfinden?
Und mit diesen Fragen ist vor allem eines gewachsen:
Dankbarkeit.
Dankbarkeit gegenüber all den Menschen, die vor uns hier waren.
Viele ihrer Namen kennen wir nicht. Manche kennen wir aus Erzählungen. Andere vielleicht noch persönlich.
Aber sie alle haben Spuren hinterlassen.
In unseren Gärten.
In den Wegen.
In den Bäumen.
In unserem Stüberl.
Und vor allem in unserer Gemeinschaft.
Deshalb erzählen wir diese Geschichte.
Nicht als offizielle Vereinschronik. Nicht mit dem Anspruch, jedes Datum und jedes Ereignis vollständig dokumentieren zu können.
Sondern als unser persönlicher Beitrag zu unserer Gemeinschaft.
Als ein Innehalten.
Als ein Zurückblicken.
Und vor allem als ein
Dankeschön.
An alle Menschen, die dazu beigetragen haben, dass wir heute hier leben, gärtnern, feiern und Gemeinschaft erleben dürfen.
Denn vielleicht müssen wir manchmal unsere Wurzeln betrachten, um zu erkennen, wie viel uns bereits geschenkt wurde.
„Wir sind nicht die Ersten, die hier Wurzeln schlagen – und wir werden nicht die Letzten sein. Dazwischen liegt unsere Zeit: dankbar anzunehmen, achtsam zu gestalten und etwas Gutes weiterzugeben.“
1919 – die ersten Wurzeln
Unsere Geschichte führt mehr als 100 Jahre zurück.
Es ist das Jahr 1919.
Der Erste Weltkrieg ist gerade vorbei. Lebensmittel sind knapp und für viele Familien ist die Versorgung schwierig.
In dieser Zeit werden Staatsbahnbediensteten Grundstücke entlang des Grünauer Grabens zur Verfügung gestellt.
Dort sollen sie Tiere halten und damit zur Versorgung ihrer Familien beitragen können.
Die Nutzung ist zunächst nur vorübergehend gedacht.
Wahrscheinlich konnte damals niemand ahnen, dass Menschen mehr als ein Jahrhundert später noch immer ihre Gärten an diesem Ort pflegen würden.
Die „Eisenbahnerfarm“ war entstanden.
Vielleicht wurden damals – ohne es zu wissen – die ersten Wurzeln für das gelegt, was wir heute unsere Gemeinschaft nennen.
Quelle: Prossinagg/Lutterschmied/Mrkvicka/Pernkopf: „Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt“, MA 49 – Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien, 2019, Kapitel „Die Eisenbahnerfarm“.
Eisenbahner, Gärten – und sogar Kühe
Schon wenige Jahre später hatte sich einiges entwickelt.
Der Naturforscher Rudolf Amon berichtete 1923 über die Eisenbahnerfarm und lobte ihre Bewirtschaftung.
Nur die Bezeichnung „Kleintierzucht“ passte offenbar nicht mehr ganz.
Denn auf den Wiesen waren inzwischen auch Kühe anzutreffen.
Vielleicht waren die „Kleintiere“ damals einfach ein wenig größer geraten.
Was uns heute schmunzeln lässt, erzählt gleichzeitig viel über diese Zeit.
Der Garten war kein Freizeitvergnügen.
Er war ein Ort zum Anbauen, Arbeiten und Versorgen.
Ein Stück Lebensgrundlage.
Quelle: Rudolf Amon: „Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt“, 1923; wiedergegeben in der Publikation der MA 49, 2019.
Aus einfachen Hütten wird ein Zuhause
Mit den Jahren verändert sich die Eisenbahnerfarm.
Wo zunächst einfache Bretterhütten stehen, entstehen nach und nach kleine Häuser.
Menschen investieren Arbeit, Zeit und wahrscheinlich jede Menge Improvisationstalent in „ihr“ Stück Land.
Sie pflanzen.
Sie bauen.
Sie gestalten.
Und vermutlich geschieht dabei etwas, das wir Gartenmenschen auch heute kennen:
Irgendwann ist es nicht mehr einfach nur ein Grundstück.
Es wird der eigene Garten.
Ein Ort, zu dem man zurückkehrt.
Ein Ort voller Erinnerungen.
Ein Stück Zuhause.
Nichts davon war selbstverständlich
Die Geschichte der Eisenbahnerfarm verlief nicht geradlinig.
Schon in ihren ersten Jahren wurde darüber diskutiert, ob die Eisenbahner überhaupt bleiben dürfen.
1922 wurde schließlich ein provisorischer Pachtvertrag ermöglicht.
Auch später war der Fortbestand der Anlage nicht immer selbstverständlich.
Vielleicht bekommt der Begriff „Wurzeln“ gerade deshalb hier eine besondere Bedeutung.
Denn Wurzeln entstehen nicht über Nacht.
Sie brauchen Zeit.
Sie müssen Halt finden.
Und manchmal müssen sie ziemlich widerstandsfähig sein.
Was Menschen gemeinsam aufgebaut haben, möchten sie bewahren.
Quelle: MA 49: „Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt“, Wien 2019.
Die Welt rundherum verändert sich
Während die Gärten wachsen, verändern sich auch die Grenzen.
Das Gebiet gehörte ursprünglich zu Hadersdorf-Weidlingau.
Mit der Bildung von Groß-Wien wurde es 1938 Teil Wiens.
Aber noch nicht von Hietzing.
Erst 1956 kam das Gebiet zum 13. Wiener Gemeindebezirk.
Seitdem gehört unsere kleine grüne Welt offiziell zu 1130 Wien.
Quellen: historische Darstellungen zur Siedlung im ehemaligen Lainzer Tiergarten und zur Hietzinger Bezirksgeschichte.
Generationen kommen und gehen – die Wurzeln bleiben
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt sich die Anlage weiter.
Wege entstehen und verändern sich.
Gärten werden übernommen und weitergegeben.
Häuser werden gebaut, erweitert und erneuert.
Und Bäume werden gepflanzt.
Das finde ich besonders schön.
Denn vielleicht sitzen wir heute im Schatten eines Baumes, den ein Mensch gepflanzt hat, dessen Namen wir gar nicht mehr kennen.
Jemand hat ihn einmal in die Erde gesetzt.
Jemand hat ihn gegossen.
Jemand hat darauf vertraut, dass er wachsen würde.
Und Jahrzehnte später schenkt er uns Schatten.
Vielleicht ist Gemeinschaft manchmal genau das:
etwas zu tun, von dem irgendwann Menschen profitieren, die wir selbst vielleicht niemals kennenlernen werden.
Aus einem Provisorium wird etwas Dauerhaftes
Was 1919 als vorübergehende Nutzung begonnen hatte, war längst zu einem gewachsenen Teil dieses Gebietes geworden.
1984 wurde das Areal schließlich als „Erholungsgebiet Kleingarten“ gewidmet.
Zwischen den ersten Anfängen und diesem Zeitpunkt lagen rund 65 Jahre.
65 Jahre, in denen Menschen geblieben sind.
Aufgebaut haben.
Weitergegeben haben.
Und ihre Spuren hinterlassen haben.
Aus einem Provisorium war etwas Dauerhaftes geworden.
Quellen: historische Dokumentationen zur Eisenbahnerfarm und Flächenwidmung; MA 49 sowie Hietzinger Bezirksgeschichte.
Wenn aus Nachbarschaft Gemeinschaft wird
Eine Kleingartenanlage besteht aber nicht nur aus Grundstücken, Wegen, Bäumen und Häusern.
Sie lebt von Menschen.
Vom Gespräch über den Gartenzaun.
Vom gegenseitigen Helfen.
Vom gemeinsamen Arbeiten.
Vom Feiern.
Von Sommerabenden.
Vom Lachen.
Und manchmal natürlich auch davon, unterschiedlicher Meinung zu sein und trotzdem miteinander verbunden zu bleiben.
Denn Gemeinschaft bedeutet nicht, dass alle gleich denken.
Gemeinschaft bedeutet, dass es etwas gibt, das uns verbindet.
Und dafür braucht es Orte der Begegnung.
Einer davon hat unsere Anlage über viele Jahrzehnte begleitet:
unser Stüberl.
Wie viele Gespräche mögen dort geführt worden sein?
Wie viele Freundschaften entstanden?
Wie viele Feste wurden gefeiert?
Wie oft wurde diskutiert, gelacht oder einfach zusammengesessen?
Das alles findet sich wahrscheinlich in keiner offiziellen Chronik.
Und trotzdem gehört es zu unserer Geschichte.
Denn Gemeinschaft entsteht nicht auf dem Papier.
Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen einander begegnen.
„Ohne Wurzeln keine Flügel.“
Wurzeln bedeuten oft nicht, in der Vergangenheit stehen zu bleiben.
Ganz im Gegenteil.
Sie geben uns Halt genug, um uns weiterzuentwickeln.
Und heute?
Mehr als ein Jahrhundert ist vergangen.
Die Menschen, die 1919 am Grünauer Graben ihre ersten Tiere hielten, würden unsere heutige Anlage vermutlich kaum wiedererkennen.
Und trotzdem würden sie vielleicht etwas erkennen:
Menschen, denen dieses Stück Erde wichtig ist.
Menschen, die pflanzen.
Die gestalten.
Die miteinander reden.
Die einander helfen.
Die manchmal unterschiedlicher Meinung sind.
Und die gemeinsam Verantwortung dafür tragen, was aus diesem Ort morgen wird.
Denn Häuser verändern sich.
Gärten verändern sich.
Menschen verändern sich.
Und auch Gemeinschaft darf sich verändern.
Vielleicht brauchen wir gerade dafür beides:
Wurzeln, die uns verbinden.
Und Flügel, die Neues möglich machen.
Unsere Geschichte ist noch nicht fertig erzählt
Viele der schönsten Geschichten dieses Ortes werden wir in keinem Archiv finden.
Sie liegen woanders.
In unseren Fotoalben.
In unseren Erinnerungen.
Und in den Geschichten unserer Familien.
Vielleicht besitzt jemand noch ein altes Foto vom Stüberl.
Von einem Sommerfest.
Von einer Gemeinschaftsarbeit.
Von einem Gartenhaus, das längst nicht mehr existiert.
Vielleicht gibt es ein Bild der Großeltern in ihrem Garten.
Eine Geschichte aus den 1960er-, 70er- oder 80er-Jahren.
Oder die Erinnerung an einen Menschen, der viel für unsere Gemeinschaft getan hat.
Dann erzählt sie uns.
Schickt uns eure Fotos, Dokumente und Erinnerungen.
Wir möchten sie sammeln und damit nach und nach die Geschichte dieses besonderen Ortes ergänzen.
Nicht um in der Vergangenheit zu leben.
Sondern um zu wissen, auf welchen Wurzeln wir stehen.
Denn diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.
Wir alle schreiben sie weiter.
Von Mitgliedern für Mitglieder.
Ein persönlicher Gedanke zum Schluss:
„Je mehr ich über die Geschichte dieses Ortes erfahre, desto größer wird meine Dankbarkeit für die Menschen, die vor uns hier waren. Sie haben Wurzeln hinterlassen, auf denen wir heute weiterwachsen dürfen. Unsere Aufgabe ist für mich nicht, alles so zu lassen, wie es einmal war. Unsere Aufgabe ist, wertzuschätzen, was uns anvertraut wurde, es mit unseren eigenen Ideen lebendig weiterzuentwickeln und dabei etwas Gutes für jene zu hinterlassen, die nach uns kommen. Denn ohne Wurzeln keine Flügel.“
Historische Quellen
Historische Grundlage dieses persönlichen Beitrags ist insbesondere die Publikation „Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt“, herausgegeben von der MA 49 – Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien (2019), mit dem Kapitel „Die Eisenbahnerfarm“.
Die Publikation greift unter anderem auf historische Unterlagen des Lainzer Tiergartens sowie auf Rudolf Amons Werk „Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt“ von 1923 zurück.
Ergänzend wurden historische Darstellungen zur Eisenbahnerfarm, zur Entwicklung des Gebietes rund um Auhof und zur Hietzinger Bezirksgeschichte herangezogen.
Historische Quellen können in einzelnen Angaben voneinander abweichen. Dieser Beitrag versteht sich daher bewusst nicht als offizielle oder vollständige Vereinschronik, sondern als persönliche Annäherung an die Geschichte unseres gemeinsamen Lebensraumes – und als Dankeschön an die Menschen, die ihn über Generationen geprägt haben.
Ihnen allen gilt unser Dank.
Freunde des Kleingartenvereins Lainzer Tiergarten